Sarahs Geburtstag von Selina Carolin Albert

 

Mit Augen so groß und glänzend wie Kristallkugeln schaute sich die kleine Sarah einen der gewaltigen Türme an.
Regelrecht verängstigt presste sie ihren Teddybären an sich. Sie trug ein himmelblaues, knielanges Kleid mit vielen kleinen Schleifchen und Bändchen. Eine besonders große, weiße Schleife trug sie zusätzlich im Haar. Sie lag schräg und leuchtete durch Sarahs dunkle Locken regelrecht auf. Sie war fast einen Meter groß und die Menschen um sie herum gingen rasch an ihr vorbei, ohne sie zu beachten. Manche rempelten sie sogar an, ohne sich zu entschuldigen. Sie waren alle so beschäftigt und in Eile, dass sie sich gar nicht für die kleine Sarah interessierten.
Nun stand sie schon knapp eine halbe Stunde vor einem der großen Türme, in dem ihr Vater arbeitete, mitten auf der Plaza.
„So groß will ich auch mal sein“, flüsterte Sarah ihrem Teddy ins Ohr.
Während Sarahs Mutter einkaufen war, durfte Sarah selbst ihren Vater holen gehen, denn heute war ein ganz besonderer Tag. Es war ihr Geburtstag!
Sarah, ihre Mutter und ihr Vater wollten eine große Feier veranstalten. Besonders Sarah hatte sich über die Idee sehr gefreut, denn ihre Eltern waren geschieden. Sie wohnte bei ihrer Mutter und sah ihren Vater nur sehr selten.
Die Stadt war groß genug, um sich aus dem Weg zu gehen und das taten Sarahs Eltern auch. Während sich ihre Mutter immer wieder mit anderen Männern traf, beschäftigte sich ihr Vater nur noch mit seiner Arbeit und Sarah hatte eigentlich nur noch ihren Teddy, der für sie da war.
Da wurde ihr plötzlich klar wie spät es schon war. Sie zuckte zusammen und ging auf den Nordturm zu. Ihre Mutter wollte schon in einer Dreiviertelstunde wieder da sein und Sarah hatte bis jetzt nur das riesige Gebäude angestarrt. Jetzt musste sie sich beeilen, also machte sie sich auf den Weg zu ihrem Vater.
Es war gar nicht einfach sich zwischen den vielen Erwachsenen in die Eingangshalle zu kämpfen. So viele Touristen wollten hinein und wieder hinaus, nur um Fotos zu machen. Zwischen Ihnen waren Männer und Frauen in dunklen Anzügen. Sie waren steht’s schlecht gelaunt oder hatten ein Telefon am Ohr.
Ein paar Touristen lachten, als sie Sarah sahen, doch das kleine Mädchen ignorierte sie gekonnt. Trotz ihrer geringen Körpergröße und trotz der vielen Menschen gelang es Sarah wenigstens in die richtige Richtung zu laufen.
Sie hatte ihren Vater schon ein Mal bei der Arbeit besucht, drum kannte sie den Weg gut. Nur eins war diesmal anders. Zuvor war immer ein Erwachsener bei ihr gewesen, doch heute, an ihrem Geburtstag, durfte sie das erste Mal allein gehen und das machte sie sehr stolz. Jetzt war sie ein großes Mädchen und konnte selbst auf sich aufpassen.
Im Nordturm ging sie mit einigen anderen Leuten in einen der Aufzüge.
Drei von ihnen waren mandeläugige Touristen. Sie redeten eine sehr schnelle Sprache und trugen Freizeitkleidung. Sarah versuchte die Sätze der drei im Gedanken zu wiederholen, lies es aber schnell wieder sein, da sie es einfach nicht schaffte. Diese Sprache war einfach zu schwer!
Da waren noch zwei Frauen. Sie hatten ihre dunklen Haare hochgesteckt, waren finster geschminkt und in Grau gekleidet. Irgendwie hatten sie etwas Hexenartiges an sich. Sarah hatte Angst vor ihnen, denn eine der Frauen schaute das kleine Mädchen skeptisch an. Es sah aus, als würde sie das Kind auf seinen Wert prüfen. Nachdem sie es nicht für wertvoll erachtete, schaute sie desinteressiert weg.
Sarah hielt es für besser ebenfalls auf etwas anderes zu schauen, aber sie schaffte es nicht lange, denn dafür war sie viel zu neugierig.
Der junge Mann, welcher direkt neben den vielen kleinen Tasten im Fahrstuhl stand, tröstete sie mit einem freundlichen Lächeln. Er trug einen schwarzen Anzug, der ihm ein wenig zu groß war und brachte Sarah damit zum Grinsen. Er schien der jüngste im Fahrstuhl zu sein. Er fragte das kleine Mädchen höflich: „In welches Stockwerk musst du denn?“
Sarah wusste ganz genau, dass sie nicht mit Fremden sprechen durfte, aber sie kam an die Knöpfe des Aufzugs nicht heran also… „Lobby!“, rief sie selbstbewusst.
Daraufhin drückte der junge Mann auf ein paar Knöpfe, die Tür des Aufzugs schloss sich und der Fahrstuhl setzte sich in Bewegung.
Sarah beobachtete mit verdutztem Blick die beiden Touristen, welche nun sogar den Innenraum des Fahrstuhls fotografierten.
Die kleine US-Amerikanerin hatte selbst in ihren früheren Besuchen bei ihrem Vater niemals solche seltsamen Leute gesehen. Hatten sie noch nie einen Fahrstuhl von innen gesehen?
„Meinst du, die sammeln Fotos von Fahrstühlen?“, fragte Sarah leise ihren Teddy.
Sie lies den kleinen Stoffbärchen nicken, kicherte und umarmte ihn kräftig.
*Ding* „Stock Nr. 60.“, sagte ein ruhige Frauenstimme. Der Fahrstuhl hielt an, die Tür öffnete sich und die beiden Damen in Grau stiegen rasch aus.
Einsteigen wollte hier keiner.
Die Tür schloss sich wieder und die Fahrt ging weiter.
*Ding* „Stock Nr. 78 - Lobby.“ Die Türen des Fahrstuhls öffneten sich erneut und die Touristen sowie Sarah stiegen aus. Bevor sich der Fahrstuhl schloss, drehte sich das kleine Mädchen um und winkte dem jungen Mann zu. Er grinste und winkte zurück, dann schloss sich die Tür und der Fahrstuhl fuhr weiter.
Sarah ging weiter und schaute sich um, denn hier wollte ihr Vater auf sie warten. So hatte er es zumindest am Telefon gesagt.
Von der Lobby aus hatte man einen tollen Blick auf die riesige Stadt, obwohl man noch nicht auf der Spitze des Turms war.
Sarah schaute nicht aus dem Fenster, sondern betrachtete die Leute, die um sie herumliefen. Manche standen auch nur da und tranken Kaffee. Wieder andere Saßen auf einem der Sofas. Die meisten von ihnen kamen ihrer Beschäftigung nicht lange nach, sondern beeilten sich.
Die kleine Sarah suchte zwischen diesen Menschen ihren Vater. Vielleicht hatte er noch ein Meeting oder war einfach spät dran?
Etwas enttäuscht ging sie auf ein Fenster zu und starrte von dort aus nach draußen. Sie sah unten die Plaza, wo sie zuvor gestanden hatte. Die schöne Aussicht schaffte es das Mädchen wieder aufzumuntern.
„Da waren wir vorhin, Teddy.“, murmelte sie ihrem Stoffbären zu. Sie lachte leise und drehte sie sich um. Da war ja ihr Vater! Er stand vor einem Kalender und schlürfte seinen Kaffee, wie er es immer tat. Sie rannte schnell auf ihn zu und umarmte laut lachend um sein linkes Bein. Der Mann lachte ebenfalls und nahm Sarah und ihren Teddy auf den Arm.
„Ich habe mich schon gefragt wo du bleibst. - Warte, ich hole noch dein Geschenk und dann gehen wir zu Mami. Ich bin gleich zurück.“, erklärte ihr Vater und ließ sie wieder runter.
Er ging die Lobby entlang. Sarah schaute etwas verwundert auf den Kalender. Eine große Neun und eine große Elf waren unübersehbar auf das Papier gedruckt. Wieder fühlte sie sich wie ein großes Mädchen, denn diese Zahlen konnte sie sogar schon schreiben.
Sie wollte aber nicht vor dem langweiligen Kalender auf ihren Vater warten, sondern ging lieber zurück zum Fenster. Dort schaute sie hinaus bis ihr Vater wieder bei ihr war. Es dauerte auch gar nicht lange. Er hatte eine bunte Plastiktüte in der Hand, die normalerweise sofort Sarahs Interesse geweckt hätte.
„So Sarah, jetzt können wir gehen.“ Der Vater bemerkte wie seine Tochter mit großen Augen an dem Fenster stand und schaute mit ihr hinaus, worauf sich sein Gesicht versteinerte.
„Sieh mal Daddy, ein Flugzeug!“, rief Sarah und lachte ein allerletztes Mal.